Folgenschwere Hochzeitsnacht

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Vom 26.10.2020 aus der Redaktion der Kieler Nachrichten

VON THOMAS RICHTER

„Dat Bruutkleed“ hatte Premiere bei der Niederdeutschen Bühne Kiel

KIEL. Vielleicht wird die Hochzeitsnacht ohnehin überschätzt, aber so dumm wie bei Juli und Philipp läuft es wohl doch eher selten. Was die Komödie Dat Bruutkleed von Stefan Vögel, die am Wochenende im Theater am Wilhelmplatz in der Übertragung von Kerstin Stölting als niederdeutsche Erstaufführung gezeigt wurde, sehr unterhaltsam vor Augen führte.

Kaum verheiratet kommt es zwischen den beiden nämlich zum ersten Ehekrach. Und der hat es in sich. Der Grund ist Julis Brautkleid. Das 8000 Euro teure Designerteil aus romantischen Gründen ein Leben lang zu behalten, findet der frisch gebackene Ehemann, Controller von Beruf, die „reinste Verschwendung“. Juli zieht sich genervt zurück. Und so bleibt Philipp aus Wut und Enttäuschung wegen des von Juli abgeriegelten Schlafgemachs nur der Griff zu Flasche. Und in der Folge auch zum Computer. Er stellt das Kleid bei Ebay ein. Am nächsten Morgen merkt der verkaterte Philipp, dass eine gewisse Elke Julis Traumkleid für einen Euro erstanden hat. Juli geht natürlich an die Decke, will ihr „Bruutkleed“ um buchstäblich jeden Preis zurückgewinnen. Also macht sie sich auf den Weg zur Käuferin.

Doch Kellnerin Elke ist ein harter Brocken. Sie steht nämlich kurz vor der Heirat mit Roland. Und da will sie in Weiß so strahlen, wie kürzlich ihre beste Freundin oder wie sie es von Hochzeitsübertragungen aus dem Fernsehen kennt. Allerdings – und da nimmt das Vier-Personen-Karussell so richtig Fahrt auf – zeigt sich Elke an Julis pekuniären Verlockungen durchaus interessiert. Sie würde verkaufen, wenn der Preis stimmt. Die Männer glauben ebenfalls, die Sache regeln zu können. Sie glauben…

Aus dieser Grundkonstellation entwickelt Regisseurin Karen Dietmair einen spritzigen, kurzweiligen und sehr witzigen Theaterabend. Nicht zuletzt wegen einer fest zupackenden Dialogregie. Dabei hilft ihr natürlich auch ein bestens aufgestelltes Ensemble-Quartett. Taskin Tavas, der nicht nur wegen seiner Koteletten zuweilen an John Belushi erinnert, überzeugt als Philipp. Hanna Fricke pendelt ihre Juli bestens zwischen Zicke und Verführerin aus. Silke Broxtermann findet ebenso das rechte Lot. Meistens spielt sie ihre Figur Elke berechnend und kalt. Aber eine Sehnsucht nach Glück schimmert in ihrem Charakter irgendwie immer noch durch. Schließlich Christian Fricke als Roland. Wie es seine Rolle verlangt, agiert er nüchterner, aber wenn es die Dramaturgie vorsieht, kann er durchaus „einen raushauen“.

Aber auch der Raum erzählt hier viel. Bühnenbildner Rainer Kühn gelingt es mit wenigen Mitteln, aus einem mondänen Architekten-Loft (Philipp) eine Wohnstatt für den Zimmermann (Roland) zu gestalten. Obwohl sich äußerlich nicht allzu viel verändert, weiß der Zuschauer sofort, dass hier zwei Welten aufeinandertreffen.

Der Ausgang soll hier nicht verraten werden. Aber das Stück hat eine saftige Pointe.

Artikel veröffentlicht: Montag, 26.10.2020 in den Kieler Nachrichten.
Foto: Imke Noack – Christian Fricke (Roland) und Silke Broxtermann (Elke)

03. + 04. Dez., 20 Uhr; 05 + 06. Dez., 18 Uhr, Theater am Wilhelmplatz, Wilhelmplatz 2, Karten: Tel. 0431 /901 901

siehe auch: Dat Bruutkleed