Dörtig von Sofie Köhler, NBKiel 2022

„Dörtig“: Wenn die Kinder das Nest verlassen

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101 Jahre Niederdeutsche Bühne Kiel: Zum Jubiläum hob sich der Vorhang für die niederdeutsche Erstaufführung des sensibel-witzigen und vielschichtigen Stückes „Dörtig“.

Vom 07.05.2022 aus der Redaktion der Kieler Nachrichten

VON THOMAS RICHTER

Kiel. Gleich zwei Gründe zum Feiern: Die Niederdeutsche Bühne Kiel besteht seit 101 Jahren. Zu diesem verspäteten Jubiläum brachte die Bühne jetzt die niederdeutsche Erstaufführung des Stückes „Dörtig“ auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Autorin Sofie Köhler, treues Kieler Bühnenmitglied, ist dafür 2021 mit dem Konrad-Hansen-Preis ausgezeichnet worden. Zu Recht!

(…) Marie, von Merve Römer als eigentlich lebenslustige, aber doch von ihren familiären und sozialen Zwängen gebundene junge Frau perfekt interpretiert, ist gerade dreißig geworden. Es gab eine ganz offenbar feucht-fröhliche Überraschungsparty in ihrer Junggesellinnenbude. Das lässt im ersten Akt das von Rainer Kühn herrlich in rosa und lila Farben getauchte, mit vielen Flaschen gestaltete Bühnenbild vermuten. Nur das grünliche, irgendwie aus der Zeit gefallene Sofa ist inmitten des gerade überstandenen Feier-Chaos auch noch da. Darauf lassen sich die Eltern von Marie am nächsten Morgen zunächst mal nieder, um über die Zukunft ihrer Tochter zu debattieren. Eigentlich aber, um ihre Nöte darüber kundzutun, dass ihr Kind nun mal aus dem Nest fliegen will. Da ist Mutter Valerie, die Heike Börgert in einer sauber abgeschmeckten Mischung aus aufbrausender Löwenmutter, aber auch von Verlustängsten geplagten Frau darstellt, und ihr emotional eher reduzierter Vater Heinz, dem Jörn Bargmann eine biedere, aber doch sehr warmherzige, ehrliche und am Ende starke Kontur verleiht. Dass Tom (super: Fabian Neumann) bei diesem Familiengespräch leicht bekleidet und extrem lässig aus Maries Schlafzimmer kommt, erleichtert die Grundsituation nicht eben zwingend. Und dann schraubt auch die weltoffene, lebensfreudige Klara, Valeries Mutter, mit viel Esprit und Humor gespielt von Britta Kabus, den Generationenkonflikt nach einmal nach oben. (…)

Und der Regisseurin Wieger für Kiel gelingt es, leichtfüßig und dennoch nicht fahrlässig eine Komödie im besten Sinne in Szene zu setzen. Denn sie hat den Humor, der Tiefe trägt, den Kalauer, der schlicht Freude macht, und ein Thema, das wohl jeden in irgendeiner Weise betrifft oder betroffen hat. Der Applaus vom Publikum dieser Sonderveranstaltung war dementsprechend groß.

Lesen Sie den ganzen Artikel, veröffentlicht: Samstag, 07.05.2022 in den Kieler Nachrichten. Foto: Imke Noack, Heike Börgert, Jörn Bargmann, Fabian Neumann, Merve Römer und Britta Kabus (von links). 

Tickets sind an allen bekannten VVK-Stellen erhältlich oder unter (0431) 901 901.

DÖRTIG